Diabetologe Prof. Raimund Weitgasser über Ursachen, Prävention, Darmgesundheit und moderne Therapie bei Diabetes
Diabetes mellitus entwickelt sich zu einer der größten medizinischen Herausforderungen des 21. Jahrhunderts. Weltweit leben bereits heute mehr als 500 Millionen Menschen mit der Stoffwechselerkrankung – Prognosen gehen davon aus, dass die Zahl bis zum Jahr 2050 auf rund 1,3 Milliarden Menschen ansteigen könnte.
Der überwiegende Teil davon entfällt auf den Typ-2-Diabetes, der eng mit modernen Lebensgewohnheiten, Ernährung, Bewegungsmangel und Übergewicht verbunden ist. Doch zunehmend rücken auch zusätzliche Faktoren in den Fokus der Forschung: chronische Entzündungen, Umweltbelastungen sowie Veränderungen im Mikrobiom des Darms.
Einer der renommiertesten Diabetologen Europas beschäftigt sich seit Jahrzehnten mit diesen Zusammenhängen: Medizinalrat Univ.-Prof. Dr. Raimund Weitgasser aus Salzburg. Der Internist und Stoffwechselspezialist leitet das Kompetenz- und Studienzentrum für Diabetes an der MavieMed Privatklinik Wehrle Diakonissen in Salzburg und war an zahlreichen internationalen Studien beteiligt. Seine Forschung führte ihn unter anderem an das Joslin Diabetes Center der Harvard Medical School in Boston, eines der weltweit führenden Zentren der Diabetologie.
Im Interview mit ZEOLITH WISSEN erklärt er, warum sich Diabetes weltweit so rasant ausbreitet, welche Rolle Ernährung, Bewegung und chronische Entzündungen spielen – und weshalb Prävention, frühzeitige Diagnose und ein besseres Verständnis des Stoffwechsels entscheidend sind, um dieser Entwicklung entgegenzuwirken.
ZEOLITH WISSEN (ZW): „Herr Professor Weitgasser, weltweit steigen die Diabeteszahlen seit Jahrzehnten dramatisch an. Was sind aus Ihrer Sicht die wichtigsten Ursachen dieser Entwicklung?“
Prof. Raimund Weitgasser (RW): „Die wichtigste Ursache ist tatsächlich die Veränderung unseres Lebensstils weltweit. In den vergangenen Jahrzehnten hat sich die Ernährung nicht nur bei uns in Europa, sondern in vielen Regionen der Welt stark verändert. Länder, die früher eine eher traditionelle Ernährung mit wenig Zucker und wenig stark verarbeiteten Lebensmitteln hatten, haben zunehmend eine westliche Ernährungsweise übernommen. Das bedeutet eben mehr Zucker, mehr stark verarbeitete Produkte, mehr Fett – und gleichzeitig bewegen sich die Menschen deutlich weniger im Alltag. In vielen Regionen der Welt sehen wir deshalb seit etwa 30 bis 40 Jahren einen sehr starken Anstieg der Diabetesraten. Besonders deutlich ist das in Ländern zu beobachten, die früher kaum Kontakt mit dieser Ernährungsweise hatten, etwa in Teilen Mittelamerikas, Südamerikas oder auf pazifischen Inseln. Auch Staaten der arabischen Halbinsel sind besonders betroffen. Dort ist der Diabetes in relativ kurzer Zeit regelrecht explodiert. Ein wichtiger Faktor ist auch der hohe Konsum zuckerhaltiger Getränke, die in manchen Ländern einen großen Anteil des täglichen Zuckerkonsums ausmachen.“
Die rasante Zunahme von Diabetes weltweit hängt vor allem mit unserem Lebensstil zusammen: mehr hochverarbeitete Lebensmittel, mehr Zucker und gleichzeitig immer weniger Bewegung im Alltag. MR Prim. Univ.-Prof. Dr. Raimund Weitgasser
ZW: „Bevor wir tiefer in die Materie einsteigen, sollten wir vielleicht vorab eine grundlegende Frage klären: Was ist Diabetes eigentlich aus medizinischer Sicht?“
RW: „Diabetes mellitus ist im Kern eine Stoffwechselerkrankung, bei der der Körper den Zuckerstoffwechsel nicht mehr richtig regulieren kann. Der zentrale Mechanismus dabei ist das Hormon Insulin, das in der Bauchspeicheldrüse produziert wird. Insulin sorgt normalerweise dafür, dass Zucker aus dem Blut in die Körperzellen aufgenommen werden kann, wo er als Energie genutzt wird. Wenn dieser Mechanismus gestört ist, bleibt zu viel Zucker im Blut. Beim Typ-1-Diabetes produziert die Bauchspeicheldrüse aufgrund eines Autoimmunprozesses kaum oder gar kein Insulin mehr. Beim sehr viel häufigeren Typ-2-Diabetes ist die Situation anders: Hier reagiert der Körper mit der Zeit immer schlechter auf das Insulin. Man spricht hier von einer Insulinresistenz. Die Bauchspeicheldrüse versucht zunächst, diese Resistenz auszugleichen und produziert erst einmal mehr Insulin. Irgendwann kann sie diesen Mehrbedarf jedoch nicht mehr decken, und der Blutzucker steigt dauerhaft an. Dieser Prozess entwickelt sich meist langsam über viele Jahre hinweg.“
ZW: „Lange Zeit galt Diabetes vor allem als eine Erkrankung des höheren Lebensalters. Heute sehen wir jedoch zunehmend Typ-2-Diabetes bei deutlich jüngeren Menschen. Gleichzeitig sagen Sie, dass auch Typ-1-Diabetes keineswegs nur bei Kindern auftritt, sondern in jedem Lebensalter entstehen kann. Das ist mir völlig neu. Wie kommt es zu dieser Entwicklung?“
RW: „Beim Typ-1-Diabetes handelt es sich um eine Autoimmunerkrankung, bei der das Immunsystem die insulinproduzierenden Zellen der Bauchspeicheldrüse angreift. Man hat früher angenommen, dass diese Erkrankung nur im Kindes- oder Jugendalter auftritt. Heute wissen wir, dass das nicht stimmt. Typ-1-Diabetes kann grundsätzlich in jedem Lebensalter entstehen, auch bei Erwachsenen oder sogar im höheren Alter. Meine älteste mit Typ-1-Diabetes diagnostizierte Patientin war übrigens 81 Jahre alt. Beim Typ-2-Diabetes sehen wir dagegen eine andere Entwicklung, denn wir sehen immer mehr jüngere Personen mit dieser Form des Diabetes. Der Hauptgrund dafür liegt in den Veränderungen unseres Lebensstils – insbesondere in Ernährung und Bewegungsverhalten. Wenn Menschen dauerhaft zu viele Kalorien aufnehmen, sich wenig bewegen und von klein auf und über viele Jahre hinweg große Mengen, auch versteckte Mengen,
Zucker konsumieren, entstehen Stoffwechselbelastungen, die letztlich zur Entwicklung eines Typ-2-Diabetes führen können.“
Die stille Krankheit: Warum viele Menschen nichts von ihrem Diabetes wissen
ZW: „Viele Menschen gehen davon aus, dass man einen Diabetes sofort bemerkt – etwa durch starken Durst oder häufiges Wasserlassen. In der Realität scheint die Erkrankung aber oft lange unentdeckt zu bleiben. Woran liegt das?“
RW: „Das liegt vor allem daran, dass sich der Typ-2-Diabetes in der Regel sehr langsam entwickelt. Der Blutzucker steigt über einen längeren Zeitraum hinweg schrittweise an, oft über mehrere Jahre. Der Körper kann sich bis zu einem gewissen Grad an diese erhöhten Werte gewöhnen. Deshalb treten die klassischen Symptome – etwa starker Durst, häufiges Wasserlassen, Müdigkeit oder auch eine erhöhte Infektanfälligkeit – häufig erst dann auf, wenn die Blutzuckerwerte bereits deutlich erhöht sind. Das ist auch der Grund, warum Vorsorgeuntersuchungen eine so wichtige Rolle spielen. In der Medizin sollte man angesichts der steigenden Prävalenzzahlen vermehrt auf Blutzuckermessungen setzen.“
ZW: „Gibt es eine Vorstellung davon, wie viele Menschen tatsächlich mit Diabetes leben, ohne es zu wissen?“
RW: „Wenn man sich die aktuellen Zahlen anschaut, gehen wir in Österreich davon aus, dass etwa 800.000 Menschen an Diabetes leiden. Davon wissen vermutlich rund 600.000 Menschen von ihrer Erkrankung. Das bedeutet aber auch, dass möglicherweise 150.000 bis 200.000 Menschen einen Diabetes haben könnten, ohne dass dieser bisher diagnostiziert wurde. Deshalb nochmals: Vorsorgeuntersuchungen sind heute wirklich wichtiger denn je, auch und gerade bei jüngeren Menschen unter 50 Jahren.“
Diabetes ist im Grunde Altern im Zeitraffer. Viele Prozesse, die wir sonst erst im höheren Lebensalter sehen, laufen bei dauerhaft erhöhtem Blutzucker deutlich schneller ab – vor allem in den Gefäßen und Organen. Prof. Raimund Weitgasser
Zuckerüberlastung und Fettleber: Die Treiber der Diabetes-Entstehung
ZW: „Woher kommen diese steigenden, ja erschreckenden Zahlen? Und Sie haben letzthin in einem Vortrag vor Kollegen gesagt: „Diabetes ist Altern im Zeitraffer.“ Was meinen Sie mit dieser Formulierung?“
RW: „Nun, das ist zwar etwas drastisch, aber leider korrekt formuliert. Damit meine ich, dass beim Diabetes all jene Prozesse viel schneller ablaufen, die wir mit dem normalen Alterungsprozess verbinden. Durch dauerhaft erhöhte Blutzuckerwerte kommt es zu chronischen Entzündungsprozessen in den Gefäßen und Organen. Diese Veränderungen führen dazu, dass typische Folgeerkrankungen entstehen können – etwa Schäden an Augen, Nieren, Nerven oder an den großen Gefäßen. Gleichzeitig sehen wir heute auch Zusammenhänge mit anderen Erkrankungen wie Leberproblemen, Depressionen, kognitiven Erkrankungen oder auch bestimmten Krebsarten im Bereich des Verdauungstraktes.“
ZW: „Die allermeisten Menschen wissen ja heute hinlänglich, dass zu viel Zucker, egal in welcher Form, ungesund ist. Aber nur die wenigsten verstehen, was im Körper eigentlich passiert, wenn über viele Jahre hinweg ständig große Mengen Zucker aufgenommen werden. Was geschieht dabei physiologisch im Organismus?“
RW: „Wenn der Körper über längere Zeit immer wieder mit großen Mengen Zucker konfrontiert wird, entsteht eine dauerhafte Stoffwechselbelastung. Zunächst versucht der Organismus, diesen Zucker, wie bereits vorhin gesagt, ganz normal zu verarbeiten. Die Bauchspeicheldrüse produziert Insulin, damit der Zucker aus dem Blut in die Körperzellen aufgenommen werden kann. Das funktioniert eine gewisse Zeit lang auch recht gut. Wenn jedoch über Jahre hinweg ständig hohe Mengen an Zucker zugeführt werden – insbesondere auch in Form von stark verarbeiteten Lebensmitteln oder zuckerhaltigen Getränken – gerät dieses System zunehmend unter Druck. Zum einen muss die Bauchspeicheldrüse immer mehr Insulin produzieren, um den Blutzucker zu kontrollieren. Zum anderen spielt auch die Leber eine zentrale Rolle im Zuckerstoffwechsel. Wenn dauerhaft große Mengen Zucker verarbeitet werden müssen, vor allem Fructose, also Fruchtzucker, kommt es häufig dazu, dass sich Fett in der Leber einlagert, weil dieses sonst eigentlich so starke Organ, das vieles aushält, irgendwann einfach über ihr Limit gelangt. Die daraus entstehende sogenannte metabolische Fettleber ist heute ein sehr häufiges Problem. Sie entsteht eben nicht durch Alkohol – früher hieß es ja immer, wer zu viel Alkohol trinkt, nur der bekommt eine Fettleber – , sondern durch eine permanente Überlastung des Stoffwechsels. In vielen Fällen entwickelt sie sich im Zusammenhang mit Übergewicht, Insulinresistenz und erhöhten Blutzuckerwerten. Das Problem dabei ist, dass diese Veränderungen meist lange Zeit unbemerkt bleiben. Die Leberverfettung kann sich schleichend entwickeln und im weiteren Verlauf sogar bis zu einer Fibrose oder in schweren Fällen zu einer Leberzirrhose führen. Aus diesem Grund betrachten wir die Fettleber heute als ein wichtiges Bindeglied zwischen Ernährung, Stoffwechselstörungen und der Entwicklung eines Typ-2-Diabetes.“
Lebensstil und Umwelt: Welche Rolle spielen Umweltbelastungen?
ZW: „Gleichzeitig leben wir heute in einer Umwelt, in der wir mit vielen zusätzlichen Belastungen konfrontiert sind, etwa Feinstaub, Schadstoffe in der Luft oder auch Schwermetalle. Welche Rolle spielen solche Faktoren bei der Entstehung von Diabetes?“
RW: „Solche Faktoren scheinen, wie langsam sichtbar wird, durchaus eine Rolle spielen, allerdings muss man sie realistisch einordnen und hier ist auch noch viel weitere Forschung notwendig. Wenn man versucht abzuschätzen, welche Ursachen am stärksten zur Entstehung eines Typ-2-Diabetes beitragen, dann steht der Lebensstil nach wie vor eindeutig im Vordergrund. Es gibt jedoch auch zunehmend Hinweise darauf, dass Umweltfaktoren einen zusätzlichen Einfluss haben können. Dazu gehören beispielsweise Feinstaubpartikel aus der Luft oder bestimmte Schadstoffe wie Pestizide, Cadmium, Blei oder andere Metalle. Solche Belastungen können den Stoffwechsel beeinflussen und so mittelbar zur Entwicklung einer Insulinresistenz beitragen. Wenn man das grob quantifizieren möchte, dann bewegen sich diese Einflüsse vermutlich in einer Größenordnung von vielleicht zehn Prozent. Das ist zwar vergleichsweise wenig. Trotzdem zeigt das, dass Diabetes nicht nur eine einfache „Zuckerkrankheit“ ist, sondern ein komplexes Zusammenspiel verschiedener Faktoren, bei dem auch Umweltbedingungen eine Rolle spielen können. Hier können wir auf die zukünftige Forschung gespannt sein, denn auch Umweltgifte wie etwa Mikroplastik oder die PFAS, also die Ewigkeitschemikalien gibt es ja, menschengemacht, erst seit wenigen Jahrzehnten. Dementsprechend steht die Wissenschaft hier vor einer Mammutaufgabe – nicht nur in Bezug auf Diabetes.“
Diabetes betrifft nicht nur den Blutzucker. Es handelt sich um eine systemische Stoffwechselerkrankung, die mit Entzündungsprozessen im gesamten Körper verbunden ist. Prof. Raimund Weitgasser
Stress und dessen Einfluss auf den Stoffwechsel: Ein immer noch unterschätzter Faktor
ZW: „Ein weiterer Faktor, über den man heute auch in der Wissenschaft diskutiert, ist Stress. Viele Menschen leben unter dauerhafter psychischer Belastung, die Prävalenzzahlen bei Depressionen zeigen das deutlich. Kann auch Stress einen Einfluss auf den Blutzucker und die Entwicklung eines Diabetes haben?“
RW: „Ja, Stress kann tatsächlich eine Rolle spielen. Wenn der Körper unter Stress steht, werden verschiedene Hormone ausgeschüttet, die den Blutzucker erhöhen. Dazu gehören zum Beispiel Adrenalin oder Cortisol. Diese Hormone wirken gewissermaßen als Gegenspieler zum Insulin. Sie sorgen dafür, dass mehr Zucker im Blut verfügbar ist, weil der Körper in einer Stresssituation Energie bereitstellen möchte. Wenn solche Stressreaktionen häufig auftreten oder dauerhaft bestehen, kann das dazu führen, dass die Blutzuckerwerte stärker schwanken oder insgesamt höher liegen. Besonders problematisch sind dabei starke Schwankungen des Blutzuckerspiegels, weil sie die Gefäße und Organe zusätzlich belasten können. Deshalb spielt auch der psychische Faktor bei der Entstehung und beim Verlauf eines Diabetes eine gewisse Rolle.“
Mikrobiom, Stoffwechsel und Diabetes: Welche Rolle spielt der Darm?
ZW: „Das Mikrobiom ist in den letzten Jahren zu einem großen Forschungsthema geworden. Viele Studien legen nahe, dass die Darmflora eine wichtige Rolle für den Stoffwechsel spielen könnte. Kann das Mikrobiom tatsächlich Einfluss auch auf den Blutzucker und die Entstehung eines Diabetes haben?“
RW: „Es gibt mittlerweile Hinweise darauf, dass das Mikrobiom mit dem Stoffwechsel zusammenhängt. Wenn man sich verschiedene Personengruppen ansieht, erkennt man, dass sich die Zusammensetzung der Darmflora stark unterscheiden kann. Zum Beispiel haben übergewichtige Menschen häufig ein ganz anderes Mikrobiom als schlanke Menschen. Und auch bei Personen mit Typ-2-Diabetes finden sich teilweise andere bakterielle Muster im Darm als bei stoffwechselgesunden Menschen. Das bedeutet natürlich nicht automatisch, dass das Mikrobiom allein die Ursache für solche Erkrankungen ist, da muss man ganz klar differenzieren. Aber es zeigt, dass zwischen Darmflora, Körpergewicht und Stoffwechselprozessen offenbar Zusammenhänge bestehen, die wissenschaftlich sehr interessant sind und derzeit intensiv untersucht werden.“
ZW: „Das heißt, das Mikrobiom kann tatsächlich Einfluss auf den Stoffwechsel haben?“
RW: „Es gibt jedenfalls verschiedene experimentelle Hinweise darauf. In einigen Studien hat man zum Beispiel untersucht, was passiert, wenn Darmbakterien von einem Menschen auf einen anderen übertragen werden – etwa im Rahmen einer Stuhltransplantation. Dabei konnte man beobachten, dass sich der Stoffwechsel in bestimmten Fällen tatsächlich verändert. Wenn beispielsweise das Mikrobiom eines schlanken Menschen übertragen wird, kann sich der Stoffwechsel der empfangenden Person zumindest vorübergehend verbessern. Das zeigt, dass Darmbakterien durchaus eine Rolle im Stoffwechsel spielen können. Allerdings muss man betonen, dass solche Ergebnisse vor allem aus experimentellen Studien stammen und daraus noch keine einfache therapeutische Strategie abgeleitet werden kann. Da ist noch sehr viel Forschung nötig.“
Prädiabetes: Kann man diese Entwicklung noch stoppen?
ZW: „Viele Menschen befinden sich in einer sogenannten Prädiabetes-Phase – also in einem Zustand, in dem der Blutzucker bereits erhöht ist, aber noch kein manifestierter Diabetes vorliegt. Hat man in dieser Phase überhaupt noch eine realistische Chance, die Erkrankung aufzuhalten?“
RW: „Ja, diese Chance der Prävention besteht auf jeden Fall, allerdings braucht es dazu Selbstdisziplin und eine enge Zusammenarbeit mit dem behandelnden Arzt. Gerade in der Phase des Prädiabetes kann man durch Veränderungen des Lebensstils nämlich noch sehr viel erreichen. Dazu gehören vor allem, wenn man übergewichtig ist, eine Gewichtsreduktion, mehr körperliche Aktivität und eine Anpassung der Ernährung. Hier sollte man wirklich so weit wie möglich auf Zucker, auch auf versteckten Zucker, verzichten. Dies bedeutet, dass man einen großen Bogen um Fertigmahlzeiten ziehen sollte, auch bei Getränken, etwa Fruchtsäfte, die ebenfalls viel Fruktose enthalten. Wichtig sind stattdessen Proteine und Ballaststoffe und mehrere kleine Mahlzeiten am Tag. Wer in einer prädiabetischen Phase ist, kann sich über seinen Arzt auch von ausgebildeten Diätassistenten beraten und begleiten lassen. Wenn es gelingt, Übergewicht zu reduzieren und den Stoffwechsel zu entlasten, lassen sich erhöhte Blutzuckerwerte dadurch wieder normalisieren oder zumindest deutlich senken. Allerdings: dies bleibt eine Daueraufgabe, denn die Grundparameter für einen Diabetes verschwinden nicht wieder sang- und klanglos.“
ZW: „Wenn wir hier über Prävention sprechen: Es muss ja auch der gesamte Stoffwechsel betrachtet werden– also nicht nur Blutzucker und Ernährung, sondern auch Darmgesundheit, Mikrobiom und mögliche Belastungen des Körpers. Könnte es aus Ihrer Sicht sinnvoll sein, den Organismus in einer solchen Situation insgesamt zu entlasten – etwa indem man auf eine gesunde Darmfunktion achtet oder Maßnahmen unterstützt, die Stoffwechselprozesse stabilisieren?“
RW: „Grundsätzlich ist es sicher sinnvoll, den Stoffwechsel möglichst gut zu unterstützen, wenn jemand ein erhöhtes Risiko für Diabetes hat. Wie gesagt, gibt es zunehmend Forschung zu Faktoren wie Darmgesundheit, Mikrobiom oder auch chronischen Entzündungsprozessen im Körper. Diese Bereiche spielen im Stoffwechsel durchaus eine Rolle. Wenn bestimmte Maßnahmen dazu beitragen können, den Organismus zu entlasten und eine gesunde Stoffwechselregulation zu unterstützen, kann das im Rahmen eines umfassenden Präventionskonzeptes durchaus sinnvoll sein. Wichtig ist dabei allerdings immer, dass solche Ansätze keine klassische medizinische Therapie ersetzen, sondern allenfalls ergänzend betrachtet werden können.“
ZW: „Es wird in der Präventions- und Regulationsmedizin auch über natürliche Substanzen diskutiert, die den Organismus entlasten könnten. Ein Beispiel ist der sogenannte PMA-Zeolith, ein speziell optimierter Klinoptilolith-Zeolith vulkanischen Ursprungs, der in den vergangenen zwei Jahrzehnten intensiv wissenschaftlich erforscht wurde. In verschiedenen Studien wurde untersucht, ob solche mineralischen Substanzen beispielsweise die Darmbarriere unterstützen oder zur Bindung bestimmter Schadstoffe im Darm beitragen können. Außerdem gibt es Hinweise, dass eine Stabilisierung der Darmfunktion wiederum eine Grundlage für ein gesundes Mikrobiom darstellen kann und dass der PMA-Zeolith mittelbar die Leber entlasten kann. Sehen Sie grundsätzlich einen Sinn darin, bei metabolischen Störungen auch solche Ansätze zu betrachten – natürlich immer ergänzend zu den klassischen Maßnahmen wie Ernährung, Bewegung und medizinischer Therapie?“
RW: „In der Diabetologie spielen solche Ansätze derzeit noch keine große Rolle. Der Fokus liegt nach wie vor auf Lebensstilmaßnahmen, einer guten Stoffwechselkontrolle und, wenn notwendig, auf medikamentösen Therapien. Grundsätzlich gilt jedoch: Wenn eine Maßnahme wie der PMA-Zeolith wissenschaftlich untersucht wurde, für den Patienten sicher ist und dazu beitragen kann, den Organismus insgesamt zu stabilisieren oder zu entlasten, kann man solche Ansätze durchaus im Rahmen eines umfassenden Präventionskonzeptes miteinbeziehen. Gerade beim Typ-2-Diabetes wissen wir, dass viele Prozesse im Stoffwechsel zusammenwirken, eben auch die Leberfunktion und chronische Entzündungsprozesse. Ein insgesamt stabiler Stoffwechsel und ein gesunder Organismus sind daher natürlich wichtige Voraussetzungen, um Risikofaktoren wie Übergewicht oder Insulinresistenz positiv zu beeinflussen.“
Die Grundlage jeder Behandlung bleibt der Lebensstil. Ernährung, Bewegung, Gewichtsreduktion und ein ausgeglichener Stoffwechsel spielen nach wie vor eine zentrale Rolle. Prof. Raimund Weitgasser
Moderne Diabetes-Therapie: Welche Möglichkeiten gibt es heute?
ZW: „Wenn bei einem Patienten bereits ein Diabetes diagnostiziert wurde: Welche therapeutischen Möglichkeiten stehen heute eigentlich zur Verfügung?“
RW: „Die Behandlung des Diabetes hat sich in den vergangenen Jahrzehnten enorm weiterentwickelt. Früher standen im Wesentlichen nur wenige Medikamente zur Verfügung, während wir heute eine ganze Reihe moderner Therapieoptionen haben. Die Grundlage jeder Behandlung bleibt jedoch, ich betone es nochmals, zunächst der Lebensstil. Ernährung, Bewegung, Gewichtsreduktion und ein ausgeglichener Stoffwechsel spielen nach wie vor eine zentrale Rolle. Gerade beim Typ-2-Diabetes können diese Maßnahmen einen sehr großen Einfluss auf den Stoffwechsel haben. Wenn diese Veränderungen allein nicht ausreichen, kommen medikamentöse Therapien hinzu. Eines der ältesten und gleichzeitig bis heute wichtigsten Medikamente ist Metformin. Dieses Biguanid-Derivat wird seit vielen Jahrzehnten eingesetzt und hat sich als sehr wirksam und sicher erwiesen. Metformin wirkt vor allem dadurch, dass es die Zuckerproduktion in der Leber reduziert und die Empfindlichkeit der Körperzellen gegenüber Insulin verbessert. In vielen Fällen stellt es daher die Basistherapie beim Typ-2-Diabetes dar.“
ZW: „Metformin wird allerdings in den letzten Jahren vom ersten Platz der Behandlung des Tpy-2-Diabetes verdrängt. Welche Medikamente gibt es da?“
RW: „Medikamente, die die Rückaufnahme des über die Niere ausgeschiedenen Zuckers hemmen und damit den Blutzucker senken, stehen nun an erster Stelle der Behandlung. Diese werden SGLT-Hemmer genannt und haben zudem positive Effekte zum Schutz von Herz und Niere. Als weitere Medikamentengruppe sind Analoga von Darm-Hormonen zu nennen. Diese werden meist ein Mal pro Woche wie Insulin injiziert und haben neben der Blutsenkung Wirkungen im Sinne eines Gefäßschutzes. Für Personen mit Risiken für Herz-Kreislauf-Erkrankungen wie Herzinfarkt oder Schlaganfall sind diese besonders gut geeignet. Als zusätzlicher Effekt hat sich eine teils ausgeprägte Gewichtsreduktion feststellen lassen, so dass diese Medikamente auch bei Prädiabetes, Übergewicht oder Adipositas mit großem Erfolg eingesetzt werden. Ganz wichtig dazu: Wir behandeln heute jeden Diabetes-Patienten höchst individuell und kontrollieren engmaschig. Das bedeutet, wir geben wirksame, aber so wenig Medikation wie möglich, auch, um etwaige Nebenwirkungen zu verringern.“
ZW: „Doch häufig reichen diese Therapien im Verlauf der Erkrankung irgendwann nicht mehr aus. Dann kommt die Insulintherapie ins Spiel. Wie sieht diese Behandlung heute aus?“
RW: „Das ist richtig. Bei vielen Menschen mit Typ-2-Diabetes gelingt es zunächst, den Blutzucker mit einer Kombination aus Lebensstilveränderungen und Medikamenten gut zu kontrollieren. Im Laufe der Jahre kann es jedoch passieren, dass die Bauchspeicheldrüse immer weniger eigenes Insulin produziert. Dann kann eine Insulintherapie notwendig werden. In vielen Fällen beginnt man heute mit einem sogenannten Basalinsulin. Dabei handelt es sich um ein langwirksames Insulin, das den Grundbedarf des Körpers über den Tag und über die Nacht hinweg abdeckt. Dieses Insulin wird meist einmal täglich gespritzt und sorgt dafür, dass der Blutzuckerspiegel zwischen den Mahlzeiten stabil bleibt. Moderne Basalinsuline wirken relativ gleichmäßig über viele Stunden und haben kein stark ausgeprägtes Wirkmaximum. Dadurch lässt sich der Blutzucker oft stabiler einstellen und das Risiko für Unterzuckerungen kann reduziert werden. Oft kann dies in Kombination mit den genannten Tabletten oder Darm-Hormonspritzen über Jahre als Therapie ausreichen. Wenn der Diabetes weiter fortschreitet, kann es notwendig werden, zusätzlich zu diesem Basalinsulin auch kurz wirksames Insulin zu den Mahlzeiten zu geben. Man spricht dann von einer sogenannten Basal-Bolus-Therapie, bei der das langwirksame Insulin den Grundbedarf deckt und ein schnell wirkendes Insulin die Blutzuckeranstiege nach dem Essen abfängt.“
ZW: „Das bedeutet also, dass sich die Insulintherapie heute deutlich stärker an den natürlichen Stoffwechselprozessen orientiert?“
RW: „Genau. Moderne Insulintherapien versuchen möglichst gut nachzuahmen, wie der Körper normalerweise selbst Insulin produziert. Dazu gehören einerseits langwirksame Basalinsuline und andererseits kurz wirksame Insuline zu den Mahlzeiten. Außerdem hat sich auch die Anwendung deutlich verbessert. Viele Patienten verwenden heute Insulin-Pens oder kontinuierliche Glukosemesssysteme, die den Alltag erheblich erleichtern können. Das Ziel bleibt dabei immer dasselbe: den Blutzucker möglichst stabil einzustellen und langfristige Folgeerkrankungen und Schäden zu vermeiden.“
Prävention bleibt die wichtigste Maßnahme: Was jeder Mensch heute für seinen Stoffwechsel tun kann
ZW: „Wenn man all diese Entwicklungen betrachtet – die weltweit steigenden Diabeteszahlen, moderne Medikamente, Insulintherapien und gleichzeitig neue wissenschaftliche Erkenntnisse über Ernährung, Darmgesundheit, Mikrobiom und Umweltfaktoren: Was würden Sie unseren Lesern zusammenfassend raten, die entweder bereits Diabetes haben, sich in einer Prädiabetes-Phase befinden oder ganz grundsätzlich präventiv etwas für ihren Stoffwechsel tun möchten?“
RW: „Der wichtigste Punkt bleibt tatsächlich der Lebensstil. Dazu gehören eine ausgewogene Ernährung, regelmäßige Bewegung und ein gesundes Körpergewicht. Gerade beim Typ-2-Diabetes spielt Übergewicht eine zentrale Rolle. Wichtig ist auch, die sogenannte Adipositas, also Fettleibigkeit richtig einzuordnen. Adipositas ist keine Frage mangelnder Disziplin, sondern eine komplexe Stoffwechselerkrankung. Deshalb sollten Menschen mit starkem Übergewicht möglichst frühzeitig ärztliche Unterstützung in Anspruch nehmen. Ebenso wichtig sind regelmäßige Vorsorgeuntersuchungen. Da sich der Typ-2-Diabetes oft über viele Jahre hinweg unbemerkt entwickelt, kann eine frühzeitige Diagnose entscheidend sein, um rechtzeitig gegenzusteuern. Alles, was dazu beiträgt, den Stoffwechsel zu stabilisieren und den Organismus insgesamt zu unterstützen – vorausgesetzt, es ist wissenschaftlich untersucht und für Patienten sicher wie der von Ihnen genannte PMA-Zeolith – kann daher im Rahmen eines umfassenden Präventionskonzeptes sinnvoll sein. Zudem ist Vorsorge bekanntlich besser als Nachsorge. Lassen Sie beim nächsten Arztbesuch Ihren HbA1c-Wert, das ist Langzeitblutzucker, untersuchen! Denn letztlich gilt: Prävention ist immer der beste Weg, um Stoffwechselerkrankungen wie Diabetes möglichst lange zu vermeiden oder ihren Verlauf positiv zu beeinflussen.“
ZW: „Herr Professor Weitgasser, herzlichen Dank für dieses aufschlussreiche Gespräch!“
Medizinalrat Prim. Univ.-Prof. Dr. Raimund Weitgasserzählt zu den renommiertesten Diabetologen und Stoffwechselmedizinern Europas.
Der Internist und Spezialist für Endokrinologie und Stoffwechselmedizin ist Leiter des Kompetenz- und Studienzentrums für Diabetes an der MavieMed Privatklinik Wehrle-Diakonissen in Salzburg und ist seit Jahrzehnten in der internationalen Diabetesforschung aktiv.
Seine wissenschaftliche Laufbahn führte ihn unter anderem an das Joslin Diabetes Center der Harvard Medical School in Boston, eines der weltweit führenden Zentren für Diabetesforschung. Prof. Weitgasser war an zahlreichen internationalen Studien beteiligt und hat mehr als 100 wissenschaftliche Publikationen zu Diabetes, Stoffwechselerkrankungen und Präventionsmedizin veröffentlicht.
Neben seiner klinischen Tätigkeit engagiert er sich intensiv in der medizinischen Lehre an der Paracelsus Medizinischen Universität Salzburg und der Weiterbildung von Ärzten. Als Universitätsprofessor und Vortragender bei internationalen Fachkongressen zählt er zu den prägenden Stimmen der europäischen Diabetologie.
Seine Arbeit konzentriert sich insbesondere auf die Prävention und moderne Therapie von Diabetes mellitus, auf Stoffwechselerkrankungen sowie auf die Frage, wie sich chronische Erkrankungen durch frühzeitige Diagnose und Lebensstilinterventionen besser verhindern lassen.
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